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Die folgenden Webseiten sollen die Fragen beantworten:

  • Was sind Stammzellen?
  • Wie werden sie gewonnen?
  • Was ist der Stand der Forschung?
  • Welche Rahmenbedingungen für die Forschung und Anwendung mit Stammzellen gibt es?

Der folgende Blickpunkt widmet sich der Verwendung von humanen embryonalen Stammzellen.

I. Blickpunkt Stammzellforschung

Was sind Stammzellen?

Unter der Bezeichnung "Stammzellen" wird eine uneinheitliche Gruppe von Zellen zusammengefasst, die mindestens die folgenden zwei Eigenschaften gemeinsam haben:

  • Stammzellen sind Vorläuferzellen von hoch differenzierten Zellen.
  • Nach einer Teilung der Stammzellen können die Tochterzellen entweder wieder zu Stammzellen werden (self-renewal) oder sich gewebespezifisch, z.B. zu Herz-, Nerven-, Haut- oder Muskelzellen, differenzieren.

Stammzellen treten zuerst in der frühen Embryonalentwicklung auf. Bereits die befruchtete Eizelle (Zygote) stellt eine totipotente Stammzelle dar (Abbildung 1), die die frühen Embryonalstadien durchläuft und aus der sich später alle Gewebe des menschlichen Körpers bilden. Je weiter die Spezialisierung der Tochterzellen einer Stammzelle voranschreitet, desto stärker wird das Spektrum ihrer Differenzierungsmöglichkeiten in verschiedene Gewebe eingeschränkt.

In vielen Geweben des erwachsenen Menschen existieren zeitlebens Stammzellen, die wichtige Aufgaben bei der Geweberegeneration und -reparatur erfüllen. Sie erhalten die Funktionsfähigkeit von Geweben und Organen aufrecht, indem sie differenzierte Zellen nachliefern und beschädigte oder abgestorbene Zellen ersetzen.

Die Einteilung und Benennung der Stammzellen erfolgt uneinheitlich und führt somit leicht zu Missverständnissen. Stammzellen werden entweder nach ihrer  Potentialität, gebräuchlicherweise aber nach der Art ihrer Gewinnung unterteilt und benannt. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich die Unterscheidung zwischen adulten und embryonalen Stammzellen herausgebildet. Aus naturwissenschaftlicher Sicht genauer wäre es hier, einerseits von gewebespezifischen statt von adulten Stammzellen zu sprechen und andererseits von Stammzellen, die je nach Herkunft als

  • EC-Zellen (embryonic carcinoma cells) aus embryonalen Tumorzellen,
  • EG-Zellen (embryonic germ cells) aus den fötalen Vorläuferzellen der Geschlechtszellen,
  • ES-Zellen (embryonic stem cells) aus frühen Embryonalstadien (Blastozysten) bezeichnet werden.

Die Gewinnung von ES-Zellen aus Blastozysten, bei der der frühe Embryo zerstört wird, ist ethisch besonders umstritten.

Für ES-Zellen konnten die folgenden Eigenschaften nachgewiesen werden:

  • ES Zellen sind in Zellkultur unbegrenzt teilungsfähig.
  • Ihre Chromosomenzahl bleibt stabil.
  • Sie besitzen die Fähigkeit, unter geeigneten Bedingungen alle Gewebe des Körpers zu bilden (Pluripotenz).

Wie werden humane embryonale Stammzellen aus Blastozysten gewonnen?

Zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen macht man sich vor allem die Technik der In-vitro-Fertilisation (IVF) zunutze, die in der Reproduktionsmedizin etabliert wurde, um bei ungewollter Kinderlosigkeit eine Schwangerschaft herbeizuführen. Bei der Unfruchtbarkeitsbehandlung werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen mit einem Katheter in der Gebärmutter der Frau platziert, wo sie sich zu einem Kind entwickeln können (Abbildung 2). Die frühen, in vitro erzeugten Embryonen können aber auch zur Herstellung von embryonalen Stammzelllinien dienen.

Fünf bis sechs Tage nach der Befruchtung ist die befruchtete Eizelle (Zygote) zu einer Blastozyste herangereift. Diese besteht aus einer umhüllenden Zellschicht - dem so genannten Trophoblasten, aus dem der kindseitige Teil des Mutterkuchens hervorgeht - und aus der inneren Zellmasse, aus der sich der Fötus entwickelt.

Zur Gewinnung der Stammzellen (Abbildung 3) wird der Trophoblast entweder durch die Anwendung von Antikörpern oder durch Laserstrahlen zerstört, was eine Fortentwicklung des Embryos unmöglich macht. Die nun zugängliche innere Zellmasse wird in einer Zellkulturschale in einem speziellen Nährmedium aufgenommen und kultiviert. Die Zellen können unter den Zellkulturbedingungen weiter wachsen ohne sich zu differenzieren. Aus ihnen gehen die ES-Zellen hervor.

Es wurde bislang noch kein Verfahren entwickelt, das erlaubt, ES-Zellen zu gewinnen und gleichzeitig die Integrität und Entwicklungsfähigkeit des Embryos zu erhalten.

Zudem wird im Ausland intensiv daran geforscht, humane embryonale Stammzellen aus zuvor geklonten Embryonen zu isolieren. Die Technik ist bislang jedoch noch nicht gelungen.

Die künstliche Erzeugung von Blastozysten, die für die Gewinnung von ES-Zellen eingesetzt werden, ist auf verschiedene Art vorstellbar. Dementsprechend kann man ES-Zellen einteilen in:

Bislang ist von diesen beiden Methoden nur die IVF beim Menschen eingesetzt worden, um humane embryonale Stammzelllinien zu gewinnen. Diese unterscheiden sich von Stammzellen aus Klonembryonen wahrscheinlich vor allem im Hinblick auf ihre Immunverträglichkeit. Bei einer Transplantation mit Gewebe aus IVF-ES-Zellen erwartet man starke Abstoßungsreaktionen, wie sie bei der Transplantation von fremdem Gewebe auftreten. Bei einer Transplantation mit Gewebe aus SCNT-ES-Zellen, dem so genannten  therapeutischen Klonen, erwartet man hingegen keine oder nur geringe Abwehrreaktionen, insofern Zellkernspender und Gewebeempfänger genetisch identisch wären.

Prinzipiell könnte die Technik des Zellkerntransfers auch für das reproduktive Klonen genutzt werden. Bei einigen Säugetierarten wurden auf diese Weise Embryonen aus Zellkerntransfer in den Uterus eingespült. Der erste erfolgreiche Versuch bei Säugetieren war die Erzeugung von Klonschaf Dolly. Diese Methode ist allerdings mit hohen Missbildungs- und Sterblichkeitsraten verbunden.

Was sind die Ziele der Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen?

Humane embryonale Stammzellen sind sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die klinische Forschung von großem Interesse. Es wird angenommen, dass sie aufgrund ihrer Fähigkeit zur unbegrenzten Vermehrbarkeit eine unerschöpfliche Quelle zur Gewinnung von Zell- und Gewebeersatz darstellen. Aufgrund ihrer Differenzierungseigenschaften sind sie als Forschungsobjekt geeignet, um eine Vielzahl von Entwicklungsprozessen im Detail zu untersuchen.

In der Grundlagenforschung stehen die Aufklärung von molekularen Mechanismen der Spezialisierung einzelner Zellen sowie die Untersuchung der Organisation von Zellen im Gewebeverband und in Organen im Vordergrund. Darüber hinaus möchte man ein verbessertes Verständnis der Entwicklung und Regulation früher Stammzellstadien erreichen und die Mechanismen, die der Fähigkeit zu Vermehrung und Differenzierung zugrunde liegen, erforschen.

Im Rahmen der klinischen Forschung erhofft man sich von embryonalen Stammzellen die Möglichkeit zur Schaffung von Gewebeersatz, besonders im Hinblick auf solche Gewebe, die nur ein geringes oder gar kein Regenerationsvermögen aufweisen, wie z. B. Nervengewebe. Ziel ist die Anwendung von ES-Zellen zur Behandlung von verschiedenen Krankheiten, z. B. neurodegenerativer Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Multiple Sklerose, Diabetes mellitus Typ 1 sowie Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems. Diskutiert wird auch, ES-Zellen genetisch zu manipulieren und so im Rahmen einer Gentherapie etwa zur Wiederherstellung eines zerstörten Immunsystems zum Einsatz zu bringen, zum Beispiel in der Therapie der HIV-Erkrankung.

Was ist der derzeitige Stand der Forschung?

Seit der Gewinnung der ersten humanen ES-Zelllinien im Jahr 1998, sind im Bereich der Forschung mit embryonalen Stammzellen vielfältige Fortschritte zu verzeichnen. Im Rahmen von In-vitro-Differenzierungen von humanen embryonalen Stammzellen ist bis jetzt gelungen, Vorläuferzellen von verschiedenen Nervenzellen, Herzmuskel- und Blutgefäßzellen, Blutzellen, Bauchspeicheldrüsenzellen, Leberzellen und Trophoblastenzellen aus humanen embryonalen Stammzellen zu generieren. Die Zuordnung der Vorläuferzellen zu einer dieser Gewebegruppen erfolgte dabei meist nicht durch den Nachweis ihrer Funktionalität, sondern aufgrund der von den Zellen gebildeten Oberflächenmoleküle. In einigen Fällen wurden die aus humanen ES-Zellen gewonnenen Vorläuferzellen in Modellorganismen, z.B. Mäuse und Hühner, transplantiert. Hier zeigten sich jedoch wenig Hinweise auf eine funktionale Beteiligung der Zellen an einem Gewebeverband. Im Juli 2006 wurde die Gewinnung von Spermien aus murinen embryonalen Stammzellen beschrieben.

Im Jahr 2008 veröffentlichten zwei Forschergruppen unabhängig voneinander Verfahren, mit denen erfolgreich menschliche somatische Zellen so reprogrammiert wurden, dass sie signifikante Eigenschaften von embryonalen Stammzellen aufwiesen. Derartige Zellen werden induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) genannt. Vorteil von Verfahren mit iPS-Zellen ist, dass sie in ethischer und rechtlicher Hinsicht weniger problematisch sind, als direkt aus Embryonen gewonnene Zelllinien. Wissenschaftlich allerdings ist das Verfahren mit Risiken verbunden, die vor einem Einsatz im Rahmen therapeutischer Verfahren behoben werden müssen. Bei den bisherigen Verfahren war es zur Reprogrammierung notwendig, dass vier bestimmte Gene (Oct4, Sox2, c-Myc und Klf4) in die jeweilige Zelle eingeschleust werden. Viren dienten hierbei als Vehikel zum Einschleusen der Gene, die in das Erbgut der Zelle selber eindringen und es verändern. Die Veränderung des Erbguts kann jedoch zu genetischen Anomalien führen. Diese können sich nur auf einzelne DAN-Bausteine beziehen, aber auch ganze DNA-Abschnitte betreffen und sogar zu einer veränderten Chromosomenanzahl führen. Je nach Verfahren treten die Mutationen zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf und können, wenn sie Kontrollabschnitte für das Zellwachstum betreffen, sogar zu einem erhöhten Krebsrisiko führen. Eine Therapie mit Gewebezellen, die aus den reprogrammierten Zellen gewonnen werden, ist daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Verschiedene Forschungsgruppen arbeiten jedoch intensiv an Möglichkeiten, die beschriebenen Probleme zu lösen.

Im Oktober 2009 hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften zusammen mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) eine Stellungnahme zu dieser neuen Technik der Stammzellgewinnung veröffentlicht.

Die Gewinnung embryonaler Stammzellen nach Zellkerntransfer (sog. Klonen zu Forschungszwecken bzw. therapeutisches Klonen) beim Menschen erweist sich, abgesehen von den ethischen und rechtlichen Problemen, als technisch schwierig und ist bislang nicht gelungen. 2004 hatte die Forschergruppe um den koreanischen Tierarzt Hwang die erfolgreiche Klonierung von menschlichen Zellen publiziert. Dies stellte sich jedoch als Betrug heraus. Tatsächlich gelungen war es der Forschergruppe hingegen, humane embryonale Stammzellen ohne Klonierungstechniken, auf dem Weg der Parthenogenese zu gewinnen. Hierbei wird eine Eizelle so aktiviert, dass sie sich ohne Zugabe eines Spermiums zu teilen beginnt. Auch andere Forschergruppen arbeiten derzeit an Möglichkeiten, aus den so erzeugten Embryonen Stammzellen zu gewinnen, um diese wiederum in verschiedene Zellarten auszudifferenzieren. Da die so erzeugten Embryonen nur bedingt entwicklungsfähig sind, wird ihre Verwendung zu Forschungszwecken oft als ethisch weniger bedenklich eingestuft, als Forschung an entwicklungsfähigen Embryonen.

Auch in weiteren Forschungsansätzen wird versucht, mögliche ethische Bedenken bezüglich des Embryonenverbrauchs bei der Stammzellgewinnung zu umgehen. Zum Beispiel wird versucht, Stammzellen zu kultivieren, die zuvor aus Fruchtwasser isoliert wurden. So wurde beschrieben, dass aus derartigen Zellen bereits menschliche Fett-, Muskel-, Knochen-, Nerven- und Leberzellen gezüchtet worden sind.

Lange galt eine baldige klinische Anwendung der Stammzellforschung als unrealistisch. Angebote für stammzellbasierte Therapien wurden allenfalls von dubiosen Privatkliniken in Ländern ohne entgegenwirkende Regulierungen beworben. Zwischenzeitlich werden verschiedene klinische Forschungsvorhaben durchgeführt, die Anlass zu einer Revision der vormaligen Einschätzung geben: Im Oktober 2010 haben Ärzte im Shepherd Center in Atlanta, USA erstmals einen teilweise gelähmten Patienten mit embryonalen Stammzellen behandelt. Der Eingriff erfolgte im Rahmen einer im Januar 2010 von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen klinischen Studie des Biotechnikunternehmens Geron. An der Phase 1 Studie sollen insgesamt zehn Patienten in sieben Kliniken in den USA teilnehmen. Ziel ist zunächst, die Sicherheit der Methode bei der Anwendung beim Menschen zu prüfen. Langfristig geht es darum, dass Querschnittgelähmte ihre Gefühls- und Bewegungsfähigkeit zurückgewinnen. Im Rahmen der so genannten GRNOPC1 Therapie werden dem Patienten um die 2 Millionen aus embryonalen Stammzellen gewonnene Vorläuferzellen von Oligodendrozyten injiziert. Die Forscher hoffen, dass sich die Vorläuferzellen in myelinproduzierende Oligodendrozyten umwandeln, welche die Weiterleitung von Nervenimpulsen ermöglichen. Über den Ausgang des Versuchs wurde noch nichts bekannt.

Eine weitere Studie an Patienten wurde von der US-Arzneimittelbehörde Ende November 2010 zugelassen. Das Biotech-Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) erhielt die Genehmigung, Patienten, die an der Augenkrankheit Morbus Stargardt leiden, mit aus embryonalen Stammzellen entwickelten Pigmentepithezellen zu behandeln. Um ethischen Bedenken bei der Verwendung von embryonalen Stammzellen zu begegnen, werden hierbei embryonale Zellen von Embryonen aus reproduktionsmedizinischen Zentren zum Einsatz gebracht, die gewonnen wurden, ohne die Embryonen zu zerstören. Den Embryonen werde vielmehr in einem sehr frühen Entwicklungsstadium eine von acht Zellen entnommen. Dieses Verfahren ist für die weitere Entwicklung des Embryos unbedenklich und wurde ursprünglich für die Untersuchung von IVF-Embryonen auf schwere genetische Defekte entwickelt.

Im Juni 2011 begann ein Forschungsteam um Steven Schwartz an der University of California mit der Auswahl geeigneter Patienten, die an Stargardt Macular Dystrophie, einer fortschreitenden Erblindung, die meist bereits im Kindesalter beginnt, oder an einer Form altersbedingter Macular Degeneration leiden, um erste klinische Versuche mit unter Verwendung embryonaler Stammzellen entwickelten Therapeutika durchzuführen. Nach erfolgreichen Versuchen am Rattenmodell hoffen die Forscher, die durch die Erkrankungen geschädigten Zellen des Auges durch die aus embryonalen Stammzellen gewonnenen Zellen sicher ersetzen und hierdurch die Sehleistung wieder herstellen zu können.

Was sind die offenen Fragen und Probleme?

Sowohl für embryonale Stammzellen als auch für adulte Stammzellen sind im Hinblick auf eine mögliche klinische Anwendung die folgenden Kriterien zu berücksichtigen:

  • Vermehrbarkeit: Die Stammzellen müssen in Kultur in ausreichender Menge vermehrbar sein.
  • Differenzierbarkeit: Sie müssen sich zur Ausdifferenzierung in den jeweils benötigten Zelltyp anregen lassen.
  • Reinheit: Es müssen ausdifferenzierte Zellen eines einzigen Zelltyps gewonnen werden können, keine Zellgemische.
  • Zielgenaue Integrierbarkeit: Der Zell- oder Gewebeersatz muss sich im Körper an die richtige Stelle transplantieren lassen.
  • Sicherheit vor Tumorbildung: Es muss gewährleistet werden, dass die Transplantate nicht unkontrolliert weiter wachsen oder Tumore bilden können.
  • Dauerhafte therapeutische Effektivität: Die Transplantate müssen im Organismus ihre Funktionalität unter Beweis stellen und eine therapeutische Wirkung auch über einen längeren Zeitraum entfalten.
  • Immunverträglichkeit: Die Zelltransplantate sollten vom Immunsystem des Empfängerorganismus nicht abgestoßen werden.


Die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen steht noch am Anfang, die Beantwortung der folgenden Fragen aus der Grundlagenforschung stellt eine Voraussetzung für ihre erfolgreiche reguläre Anwendbarkeit in der regenerativen Medizin dar:

  • Wie können ES-Zellen effizient gewonnen werden?
  • Sind alle ES-Stammzelllinien gleich?
  • Wie können ES-Zellen genetisch verändert werden?
  • Wie wird die Differenzierung der Tochterzellen von Stammzellen reguliert?
  • Welche neuen Methoden und Werkzeuge werden benötigt, um diese Differenzierung in vivo und in vitro zu messen und zu steuern?

Gibt es Alternativen zur Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen?

Als Alternativen für die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen werden vor allem die gewebespezifischen, adulten Stammzellen angesehen, zu denen man auch Stammzellen aus Nabelschnurblut zählt.

Die Grundlagenforschung untersucht, wie sich humane embryonale Stammzellen kultivieren, differenzieren und manipulieren lassen. Diese spezifischen Eigenschaften können nur an den ES-Zelllinien selber untersucht werden; adulte Stammzellen stellen für diesen Bereich deshalb keine Alternative dar.

Auf dem Gebiet des Gewebeersatzes aus adulten Stammzellen sind bis heute einige therapeutische Verfahren hervorgegangen, die in der Klinik zum Teil bereits eingesetzt werden, so z.B. die Knochenmarktransplantation nach einer Strahlentherapie (blutbildende Stammzellen) oder die Regeneration von Haut nach Verbrennungen (hautbildende Stammzellen). Hieraus kann aber nicht auf eine besondere Eignung von adulten Stammzellen für die Verwirklichung der weiter oben genannten Ziele der klinischen Forschung geschlossen werden. Für eine Beurteilung der Eignung sind die genannten Kriterien, Vermehrbarkeit, Reinheit, Differenzierbarkeit etc., maßgeblich.

Aus heutiger Sicht lässt sich vermuten, dass adulte Stammzellen in Bezug auf Reinheit, Sicherheit vor Tumorbildung und Immunverträglichkeit für die klinische Anwendung besser geeignet sind als ES-Zellen. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass auch die Verwendung adulter Stammzellen in der therapeutischen Praxis nicht frei von Risiken ist, die es noch weiter zu verstehen und, wenn möglich, einzudämmen gilt.

In Bezug auf Vermehrbarkeit und Differenzierbarkeit lässt der gegenwärtige Stand der Forschung einen deutlichen Vorteil für ES-Zellen erkennen, wobei die Immunverträglichkeit von ES-Zellen aus SCNT-Blastozysten wahrscheinlich denen der adulten Stammzellen entsprechen dürfte. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man aus naturwissenschaftlicher Sicht keine begründete Abschätzung liefern, die einer der beiden Forschungsrichtungen in Bezug auf ihre klinischen Anwendungsmöglichkeiten den Vorrang vor der anderen einräumen könnte.

Seit einiger Zeit versuchen Forscher, pluripotente Stammzellen direkt aus Gewebematerial zu gewinnen. Ob dieser Ansatz bereits erfolgreich getestet wurde, ist derzeit heftig umstritten. Im Frühsommer 2010 brach diesbezüglich eine Kontroverse zwischen Stammzellforschern aus. Ein Team um den Tübinger Anatomieprofessor Skutella hatte im Jahre 2008 in einer Veröffentlichung behauptet, pluripotente Stammzellen ohne Umweg über einen Embryo direkt aus dem Gewebe menschlicher Hoden gewonnen zu haben. Renommierte Stammzellforscher, wie der Münsteraner Hans Schöler, zweifeln die Ergebnisse dieser Studie Skutellas an und kritisieren dessen wissenschaftliches Vorgehen. Skutella und sein Forschungsteam kündigten an, die umstrittenen Stammzellen noch einmal heranzuzüchten und die Ergebnisse erneut zu publizieren. Eine Publikation der Ergebnisse der wiederholten Studie steht derzeit aus.

Eine weitere gelegentlich diskutierte Alternative zur Forschung an humanen embryonalen Stammzellen ist die ausschließliche Forschung am Tiermodell. Auch an Mäuse-Stammzellen, so ein geläufiges Argument, lassen sich die Kultivierbarkeit sowie die Mechanismen der Differenzierung von Stammzellen erforschen. Die Forschung an diesen Zellen ist zudem nicht reglementiert und Vorexperimente mit ihnen dienen häufig der Planung und Rechtfertigung anschließender Folgeexperimente mit humanen Stammzellen. Ein Problem besteht jedoch in der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen, da die Differenzierungsmechanismen embryonaler Mäuse-Stammzellen zum Teil durch andere Wachstumsfaktoren gesteuert werden als bei humanen embryonalen Stammzellen. Eine Lösung dieser Problematik schien sich 2007 abzuzeichnen, als die Forscher Ludovic Vallier und Gabrielle Brons Zellen aus weiterentwickelten Mäuse-Föten isolierten, die auf die getesteten Wachstumsfaktoren genauso reagierten wie humane embryonale Stammzellen. Allerdings zeigen neue Forschungsergebnisse von 2010, dass sich auch diese sogenannten Epiblast-Stammzellen der Mäuse nicht mit humanen embryonalen Stammzellen gleichsetzen lassen. Die Forscher um Hans Schöler fanden heraus, dass diese Zellen zwar ähnlich auf bestimmte Wachstumsfaktoren, wie Activin reagieren, jedoch andere Mechanismen dahinter stecken, wodurch die Forschung an diesen Epiblast-Stammzellen der Mäuse irreführend sei.

II. Ausgewählte nationale und internationale Gesetze und Regelungen

Dossier Stammzellforschung

Eine Zusammenstellung einschlägiger Gesetzestexte, Richtlinien und Stellungnahmen zur Stammzellforschung aus einer Vielzahl von europäischen und außereuropäischen Ländern bietet das Dossier Stammzellforschung.

1. Internationale Regelungen

Weder auf der Ebene der Vereinten Nationen (UNO / UNESCO) noch auf gesamteuropäischer Ebene (Europarat / Europäische Union) existieren direkt einschlägige Regelungen zur Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen. Jedoch gibt es auf beiden Ebenen Stellungnahmen sowie Regelungen bzw. Regulierungsbemühungen in Bezug auf die Anwendung von Klontechniken im Humanbereich, die mittelbar auch für die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen relevant sind. Auf der Ebene der Europäischen Union sind ferner die im Zusammenhang mit dem Sechsten Forschungsrahmenprogramm stehenden Regelungen in Bezug auf eine gemeinschaftliche Förderung der Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen von Bedeutung.

UNO / UNESCO

In seinem Report "The Use of Embryonic Stem Cells in Therapeutic Research" vom 6. April 2001 stellt das International Bioethics Committee (IBC) der UNESCO fest, dass es sich bei der Frage, wie die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen zu regeln sei, um eine ethische Frage handele, deren Entscheidung das Recht wie auch die Pflicht einer jeden einzelnen Gesellschaft selber sei. Vor diesem Hintergrund spricht sich das IBC für staatlich geförderte, freie und informierte öffentliche Debatten auf nationaler Ebene aus. Es empfiehlt, Embryonenforschung, wo sie erlaubt wird, einer staatlichen Regulierung zu unterstellen, die eine angemessene Beachtung der ethischen Aspekte gewährleistet. Die Verwendung so genannter überzähliger Embryonen zur Stammzellforschung sei an die freie und informierte Zustimmung der Spender zu binden. Die Forschungsvorhaben sollen von Ethikkomitees überprüft werden. Ferner plädiert das IBC für eine sorgfältige Abwägung der Vorteile und Risiken alternativer Techniken der Stammzellgewinnung. Es bekräftigt, dass die Kerntransfertechnik nur im Rahmen therapeutischer Forschung genutzt werden solle.

Zu den Bestimmungen zu Klonierungsfragen siehe: Blickpunkt Forschungsklonen.

Europarat

Nach Artikel 18 (2) des am 4. April 1997 zur Unterzeichnung aufgelegten Übereinkommens zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung von Biologie und Medizin ist "die Erzeugung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken verboten". Artikel 18 (1) lautet: "Die Rechtsordnung hat einen angemessenen Schutz des Embryos zu gewährleisten, sofern sie Forschung an Embryonen in vitro zuläßt". Was unter einem angemessenen Schutz zu verstehen ist, wird jedoch nicht weiter ausgeführt. Damit bleibt den Mitgliedsstaaten eine bedingte Zulassung der Forschung mit so genannten überzähligen Embryonen unbenommen. Das Übereinkommen ist u.a. auch von Deutschland noch nicht gezeichnet worden.

Zu den Bestimmungen zu Klonierungsfragen siehe: Blickpunkt Forschungsklonen.

Europäische Union

Die von der Europäischen Kommission eingesetzte "Europäische Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der neuen Technologie (EGE)" führt in ihrer Stellungnahme zu den ethischen Aspekten der Forschung und der Verwendung embryonaler Stammzellen vom 14. November 2000 aus, dass es im Rahmen des Europäischen Pluralismus jedem Mitgliedstaat selbst obliege, Embryonenforschung zu verbieten oder zu erlauben. Im letzteren Fall erfordere die Achtung der Menschenwürde eine Regelung der Embryonenforschung sowie Garantien gegen die Gefahr eines willkürlichen Experimentierens und einer Instrumentalisierung menschlicher Embryonen. Wo Forschung mit embryonalen Stammzellen erlaubt sei, müsse sie einer strengen öffentlichen Kontrolle durch eine zentrale Stelle ähnlich der Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) in Großbritannien unterstellt werden. Die Erzeugung von Embryonen mit für die Stammzellgewinnung gespendeten Keimzellen sei ethisch inakzeptabel, wenn so genannte überzählige Embryonen eine alternative Quelle darstellten. Auch sei die Herstellung von Embryonen durch Zellkerntransfer für die Erforschung von Stammzelltherapien gegenwärtig noch verfrüht, weil ein großer Bereich der Forschung zunächst mit alternativen Quellen humaner Stammzellen (von so genannten überzähligen Embryonen, fetalen Geweben und adulten Stammzellen) durchzuführen sei.

Am 30. September 2002 wurde das "Sechste Rahmenprogramm der Europäischen Gemeinschaft im Bereich der Forschung, technologischen Entwicklung und Demonstration als Beitrag zur Verwirklichung des Europäischen Forschungsraums und zur Innovation (2002-2006)" verabschiedet. Einer der von diesem Programm geförderten Bereiche umfasst Biowissenschaft, Genomik und Biotechnologie. Bei der Durchführung dieses Programms und bei den entsprechenden Forschungstätigkeiten sind laut Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. Juni 2002 die ethischen Grundprinzipien zu beachten, die sich aus der Charta der Grundrechte der Europäischen Union und dem Übereinkommen des Europarates über Menschenrechte und Biomedizin sowie dem Zusatzprotokoll über das Verbot des Klonens von Menschen ergeben. Gemäß einer Entscheidung des Rates vom 30. September 2002 sind Forschungstätigkeiten zur Züchtung menschlicher Embryonen -auch durch Kerntransfer somatischer Zellen- ausschließlich zu Forschungszwecken oder zur Gewinnung von Stammzellen von der Förderung auszunehmen. Sonstige Forschungsvorhaben mit menschlichen Embryonen oder humanen embryonalen Stammzellen sollen von der Europäischen Kommission ethisch geprüft und dann einem Regelungsausschuss vorgelegt werden. Die Festlegung detaillierter Durchführungsvorschriften solle durch den Rat bis zum 31. Dezember 2003 erfolgen. Die Kommission erklärte am selben Tag, während dieser Zeit und bis zur Festlegung der Durchführungsvorschriften die Förderung von Forschungsvorhaben mit menschlichen Embryonen oder humanen embryonalen Stammzellen, ausgenommen die Untersuchung von in Banken bestehenden oder in Kulturen isolierten humanen embryonalen Stammzellen, auszusetzen.

Am 9. Juli 2003 legte die Kommission dem Rat einen Regelungsvorschlag vor, auf den das Europäische Parlament am 19. November 2003 mit einem legislativen Entschließungsantrag antwortete. Der Kommissions-Vorschlag sah vor, dass in Gemeinschaftsmittel geförderten Forschungstätigkeiten nur vorhandene überzählige menschliche Embryonen verwendet werden dürfen, die vor dem 27. Juni 2002 erzeugt worden sind. Nach dem Entschließungsantrag des Parlamentes soll die Herstellung humaner embryonaler Stammzellen zwar ebenfalls nur dann finanziert werden, wenn es sich bei den hierfür verwendeten Embryonen um überzählige Embryonen im Frühstadium (bis zum vierzehnten Tag) handelt, eine Stichtagsregelung wurde aber abgelehnt. In seinen Beratungen am 26. November und am 3. Dezember 2003 konnte der Rat bezüglich der Durchführungsbestimmungen keine Einigung erzielen. Am 18. Februar 2004 erklärte Forschungskommissar Philippe Busquin, dass die Kommission vorerst auf eine Förderung der umstrittenen Herstellung von humanen embryonalen Stammzellen verzichte.

Nicht zuletzt hat auch die Frage nach einer möglichen Patentierbarkeit von Stammzellen an Aktualität gewonnen. Während das Bundespatentgericht 2006 in Deutschland für Klarheit gesorgt hat, wurde die Frage über ein europäisches Stammzellpatent mit dem Grundsatzurteil des Europäischen Gerichtshofs vom 18. Oktober 2011 beantwortet.  Anlass hierfür war ein Antrag des Bundesgerichtshofes (BGH) von 2009, in welchem um die Klärung des Falles Brüstle auf europäischer Ebene gebeten wurde. Das Gericht folgte in seinem Urteil im Wesentlichen dem Schlussantrag des unabhängigen Generalanwalts der Großen Kammer des EuGh, Yves Bot und stellte insbesondere drei Punkte heraus: „Jede menschliche Eizelle vom Stadium ihrer Befruchtung an, jede unbefruchtete menschliche Eizelle, in die ein Zellkern aus einer ausgereiften menschlichen Zelle transplantiert worden ist, und jede unbefruchtete menschliche Eizelle, die durch Parthenogenese zur Teilung und Weiterentwicklung angeregt worden ist, ist ein ,menschlicher Embryo‘.“ Erfindungen, die auf eine industrielle und kommerzielle Nutzung menschlicher Embryonen zielen, wurden vom Gericht ebenso von der Patentierbarkeit ausgeschlossen wie die „Verwendung zu Zwecken der wissenschaftlichen Forschung, und nur die Verwendung zu therapeutischen oder diagnostischen Zwecken, die auf den menschlichen Embryo zu dessen Nutzen anwendbar ist, kann Gegenstand eines Patents sein.“ Darüber hinaus ist jede Erfindung von der Patentierung ausgeschlossen, „wenn die technische Lehre, die Gegenstand des Patentantrags ist, die vorhergehende Zerstörung menschlicher Embryonen oder deren Verwendung als Ausgangsmaterial erfordert, in welchem Stadium auch immer die Zerstörung oder die betreffende Verwendung erfolgt, selbst wenn in der Beschreibung der beanspruchten technischen Lehre die Verwendung menschlicher Embryonen nicht erwähnt wird“. Es sei allerdings Sache des nationalen Gerichts, „im Licht der technischen Entwicklung festzustellen, ob eine Stammzelle, die von einem menschlichen Embryo im Stadium der Blastozyste gewonnen wird, einen ,menschlichen Embryo‘ im Sinne von Art. 6 Abs. 2 Buchst. c der Richtlinie 98/44 darstellt.“ Ein abschließendes Urteil des BGH über diese Frage steht noch aus.


Internationale Gesellschaft für Stammzellforschung (ISSCR)

Die Internationale Gesellschaft für Stammzellforschung (The International Society for Stem Cell Research - ISSCR) wurde im Jahr 2002 gegründet und ist eine unabhängige gemeinnützige Gesellschaft. Sie hat zur Aufgabe, den Austausch über Stammzellforschung zu fördern. Im Dezember 2006 veröffentlichte sie einen Katalog von Standards für die Arbeit mit humanen embryonalen Stammzellen. Forscher sollen sich per Selbstverpflichtung an diese Verordnung halten und unter anderem auf das Klonen von Menschen zu Reproduktionszwecken verzichten, nur unter strengen Auflagen Mischwesen aus Mensch und Tier (Chimären) herstellen und die Bezahlung von Eizellspenden einschränken. Darüber hinaus will die ISSCR erreichen, dass nur noch solche Studien von den namhaften Zeitschriften publiziert werden, bei denen diese Standards eingehalten worden sind.

2. Einzelstaatliche Regelungen

Zu den Regelungen der Stammzellforschung in den einzelnen Ländern Europas, aber auch weltweit, lesen Sie bitte auch den DRZE-Sachstandsbericht "Präimplantationsdiagnostik, Embryonenforschung, Therapeutisches Klonen - Ein vergleichender Überblick zur Rechtslage in ausgewählten Ländern".

Belgien

In Belgien wird die Stammzellforschung durch das "Gesetz über die Forschung an Embryonen in vitro" vom 11. Mai 2003 geregelt. Demzufolge ist es in Belgien gesetzlich erlaubt, an Embryonen innerhalb von 14 Tagen nach der Befruchtung zu forschen. Bedingung ist, dass mit der Forschung therapeutische Ziele verfolgt und Erkenntnisse über die Prävention oder die Behandlung von Krankheiten gewonnen werden. Auch die Gewinnung neuer Kenntnisse in den Bereichen Fruchtbarkeit, Sterilität und Organ-Gewebetransplantation stellen Gründe für die Forschung an Embryonen in vitro dar, wenn keine anderen Forschungsmethoden qualitativ gleichwertige Ergebnisse versprechen. Die Herstellung von Embryonen eigens zu Forschungszwecken ist generell verboten, wird aber zugelassen, wenn die vorhandenen überzähligen Embryonen nicht den Bedarf des Forschungsvorhabens decken.

Deutschland

Das seit 1. Januar 1991 geltende Embryonenschutzgesetz verbietet die Erzeugung eines Embryos "zu einem anderen Zweck als der Herbeiführung einer Schwangerschaft". Zudem untersagt es die Verwendung eines Embryos "zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck". Ferner stellt es denjenigen unter Strafe, "der künstlich bewirkt, dass ein menschlicher Embryo mit der gleichen Erbinformation wie ein anderer Embryo, ein Fötus, ein Mensch oder ein Verstorbener entsteht". Als Embryo gilt dabei bereits "jede einem Embryo entnommene totipotente Zelle, die sich bei Vorliegen der dafür erforderlichen weiteren Voraussetzungen zu einem Individuum zu entwickeln vermag". Damit ist die Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken untersagt. Ebenso ist die nicht ihrer Erhaltung dienende Verwendung von Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. Dieses Verbot gilt unabhängig davon, ob die auf diese Weise gewonnenen Stammzellen totipotent sind oder nicht, und erstreckt sich auch auf so genannte überzählige Embryonen. Ob das Embryonenschutzgesetz auch das so genannte therapeutische Klonen verbietet, oder ob diesbezüglich eine Regelungslücke vorliegt, wird unter Rechtsexperten kontrovers diskutiert.

Die Einfuhr und die Verwendung von embryonalen Stammzellen, die nicht totipotent sind, werden durch das am 28. Juni 2002 verabschiedete Stammzellgesetz geregelt. Demnach sind die Einfuhr und die Verwendung solcher Zellen nur unter bestimmten Voraussetzungen zulässig: Sie müssen "in Übereinstimmung mit der Rechtslage im Herkunftsland vor dem 1. Januar 2002" und aus Embryonen gewonnen worden sein, die "im Wege der medizinisch unterstützten extrakorporalen Befruchtung zum Zwecke der Herbeiführung einer Schwangerschaft erzeugt worden" sind und "endgültig nicht mehr für diesen Zweck verwendet wurden". Für die Überlassung dieser Embryonen zur Stammzellgewinnung darf "kein Entgelt oder sonstiger geldwerter Vorteil gewährt oder versprochen" worden sein. Ferner müssen die mit den Stammzellen verfolgten Forschungsarbeiten "hochrangigen Forschungszielen" dienen und "soweit wie möglich in In-vitro-Modellen mit tierischen Zellen oder in Tierversuchen vorgeklärt" worden sein. Der angestrebte wissenschaftliche Erkenntnisgewinn darf sich "voraussichtlich nur mit embryonalen Stammzellen erreichen" lassen. Das Vorliegen dieser Voraussetzungen ist von einer "durch Rechtsverordnung des Bundesministeriums für Gesundheit zu bestimmende[n] Behörde aus seinem Geschäftsbereich" zu überprüfen, die dabei von einer bei ihr einzurichtenden, interdisziplinär zusammengesetzten, unabhängigen "Zentrale[n] Ethik-Kommission für Stammzellforschung" zu beraten ist.

Zuständige Behörde ist gemäß einer entsprechenden Verordnung vom 18. Juli 2002 das Robert Koch Institut (RKI). Eine laufend aktualisierte Übersicht über die bisher genehmigten Forschungsprojekte findet sich auf den Internet-Seiten des RKI (Stand 28. August 2007: 23 Genehmigungen).

Als besonderes Problem von deutschen Forschern wird die eingeschränkte Nutzung der verstärkten Förderung von Stammzellforschung mit EU-Mitteln betrachtet. Aufgrund der restriktiven Gesetzgebung ist es deutschen Forschern nur in wenigen Fällen möglich, EU-Stammzellforschungsförderung in Anspruch zu nehmen.

Nach langer kontroverser Diskussion stimmte der Deutsche Bundestag am 11. April 2008 für eine Änderung des Stammzellgesetzes. Dabei wurde eine Verschiebung des Stichtags zum Import von embryonalen Stammzellen vom 01. Januar 2002 auf den 01. Mai 2007 beschlossen. Anstoß zur erneuten Debatte und schließlich zur Änderung des Gesetzes gaben Positionspapiere der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie des Nationalen Ethikrats aus den Jahren 2006 und 2007.

Zudem stellt sich das Problem der Patentierung von Forschungsverfahren und -ergebnissen mit embryonalen Stammzellen. Im Jahr 1999 hatte der Bonner Forscher Prof. Oliver Brüstle das Patent darauf erhalten, aus menschlichen Embryonen neuronale Stammzellen zu entwickeln. Aufgrund des Verstoßes gegen die öffentliche Ordnung und die guten Sitten, welcher mit der Zerstörung der benötigten Embryonen einhergehe, klagte die Umweltorganisation Greenpeace gegen dieses Patent. Das Bundespatentgericht erklärte am 05. Dezember 2006 das 1999 erteilte Patent in Hinblick auf den Verstoß gegen die öffentliche Ordnung sowie mit Verweis auf das Embryonenschutzgesetz und das Stammzellgesetz in Teilen für nichtig. Das Patent gilt daher nun nicht mehr für die Entwicklung solcher Zellen, die aus humanen Stammzellen aus Embryonen stammen. Das Patent bleibt jedoch für die Gewinnung der Zellen bestehen, die aus humanen Stammzellen stammen, die ihrerseits nicht aus Embryonen, sondern aus Keimzellen gewonnen werden.

Frankreich

Das Loi no. 94-654 Art. L. 152-3 vom 29. Juli 1994 gestattet die Erzeugung eines Embryos in vitro nur im Rahmen der medizinisch assistierten Fortpflanzung. Die Erzeugung eines Embryos in vitro zu Forschungszwecken ist somit verboten. Dieses Verbot wird in Art. L. 152-8 noch einmal ausdrücklich formuliert. Dieser Artikel untersagt außerdem grundsätzlich jegliche Forschung mit Embryonen. Diese ist nur ausnahmsweise zulässig. Voraussetzung für eine Zulassung ist, dass dem Embryo kein Schaden zugefügt werden kann, eine medizinische Zielsetzung vorliegt und beide Eltern sowie die zuständige Prüfungskommission zuvor zugestimmt haben. Eine den Embryo schädigende Gewinnung humaner embryonaler Stammzellen ist damit nicht erlaubt. Die Einfuhr und Verwendung humaner embryonaler Stammzellen ist nicht verboten.

Am 11. Dezember 2003 wurde von der Nationalversammlung in zweiter Lesung eine Neufassung der auch das Loi no. 94-654 umfassenden Bioethikgesetze von 1994 angenommen. Der Gesetzentwurf sah weiterhin ein Verbot der verbrauchenden Embryonenforschung vor. Dieses Verbot sollte jedoch für fünf Jahre ausgesetzt werden.

Am 8. Juli 2004 wurde das neue französische Bioethikgesetz (Loi no. 2004-800 vom 6. August 2004) von der Assemblée Nationale und dem Senat verabschiedet. Wie im Gesetzentwurf vorgesehen, bestätigen auch die neuen Regelungen grundsätzlich das seit 1994 geltende Verbot der Stammzell- und Embryonenforschung. Die Forschung an überzähligen menschlichen Embryonen ist innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren in Ausnahmefällen erlaubt. Voraussetzung ist, dass die Embryonen in vitro zur Herbeiführung einer Schwangerschaft erzeugt wurden und nicht mehr für diesen Zweck gebraucht werden. Zudem müssen sich mit den Forschungsvorhaben bedeutende therapeutische Fortschritte erreichen lassen können, die nach wissenschaftlichem Erkenntnisstand nicht in vergleichbarer Effizienz mit alternativen Mitteln erzielbar sind. Ein überarbeiteter Gesetzentwurf vom 8. April 2011, demzufolge die Forschung an humanen Embryonen und hES weiterhin allein innerhalb strenger Grenzen zugelassen werden soll, wurde im Juni 2011 durch die Nationalversammlung in erster Lesung angenommen. Um in Kraft zu treten bedarf das Gesetz nun noch der Unterschrift des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy.

Weiterhin bleibt jedoch jede Form des menschlichen Klonens untersagt.

Großbritannien

Nach dem Fertilisation and Embryology Act von 1990 dürfen Embryonen unter bestimmten Voraussetzungen für Forschungszwecke verwendet und "auch durch Kerntransfer, das so genannte therapeutische Klonen" erzeugt werden. Zu den Voraussetzungen gehört, dass die genetischen Eltern zustimmen und der für die Forschung verwendete Embryo noch keinen Primitivstreifen hat bzw. nicht älter als 14 Tage ist. Zudem muss eine Lizenz der zuständigen Kontrollbehörde, der Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA), vorliegen. Bedingung für die Lizenzvergabe ist, dass das Forschungsvorhaben darauf abzielt, Infertilitätstherapien oder Verhütungsmethoden zu verbessern, Kenntnisse über die Ursachen von Fehlgeburten oder Erbkrankheiten zu vermehren oder Methoden zur Entdeckung von Gen- oder Chromosomanomalien bei Embryonen vor der Implantation zu entwickeln. Das Forschungsvorhaben muss im Hinblick auf diese Ziele alternativlos sein.

Durch die am 31. Januar 2001 in Kraft getretenen Human Fertilisation and Embryology (Research Purposes) Regulations wurde die Liste lizenzfähiger Forschungsziele im Blick auf die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen erweitert. Demnach können die Verwendung wie auch die Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken auch dann eine Lizenz erhalten, wenn die Forschungsvorhaben die Absicht verfolgen, das Wissen über die Embryonalentwicklung oder über schwere Krankheiten zu erweitern oder derartiges Wissen in die Entwicklung von Therapien für schwere Krankheiten umzusetzen. Eine laufend aktuell gehaltene Liste der bisher lizenzierten Forschungsprojekte mit humanen embryonalen Stammzellen (Stand 16. September 2005: 33 Lizenzen) befindet sich auf den Internet-Seiten der HFEA.

Die aktuelle Stammzelldebatte in Großbritannien bezieht sich auf neue Forschungsanträge, die an die HFEA gestellt wurden. In ihnen wird um eine Lizenz für die Herstellung und Erzeugung von Tier/Mensch-Mischwesen (Hybriden) gebeten. Nachdem die HFEA zunächst Sondergenehmigungen erteilte, soll nun eine gesetzliche Regelung geschaffen werden, die es britischen Forschern ermöglicht, Chimären-Embryonen zu Forschungszwecken herzustellen.

Die Niederlande

Stammzellforschung wird in den Niederlanden durch den Embryos Act von 2002 geregelt. Zuvor war Forschung an bereits existierenden Stammzelllinien erlaubt, die Regelungen bedurften jedoch einer Ergänzung. Dem Embryos Act zufolge ist zwar die Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken verboten, die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen indes erlaubt. Dazu dürfen Stammzellen aus so genannten überzähligen Embryonen bis 14 Tage nach der Befruchtung und nach vorheriger Einwilligung der Eltern gewonnen werden. Die derartige Gewinnung von Stammzellen und auch ihre Nutzung für die Forschung bedarf der Genehmigung durch die Kontrollbehörde Central Committee for Research Involving Human Subjects (CCMO).

Die Schweiz

Nach einer Volksabstimmung am 28. November 2004 reguliert in der Schweiz das Stammzellenforschungsgesetz (StFG) vom 19.12.2003 die Forschung mit embryonalen Stammzellen. Die Stammzellforschungsverordnung konkretisiert das Gesetz und legt unter anderem die Voraussetzungen für die Bewilligung eines Forschungsprojekts mit Stammzellen dar. Hiernach ist zwar die Herstellung von Embryonen eigens zu Forschungszwecken verboten, Stammzellen dürfen aber aus überzähligen Embryonen bis zum siebten Tag ihrer Entwicklung gewonnen werden, wenn das Elternpaar damit einverstanden ist und das Bundesamt für Gesundheit das entsprechende Forschungsprojekt bewilligt. Gegenstand des Forschungsprojekts muss die Feststellung, Behandlung und Verhinderung menschlicher Krankheiten oder die Entwicklungsbiologie des Menschen sein. Dabei muss gewährleistet werden, dass qualitativ gleichwertige Erkenntnisse nicht auf anderem Weg gewonnen werden können und das Projekt ethisch vertretbar ist. Zudem dürfen aus überzähligen Embryonen gewonnene embryonale Stammzellen zu Zwecken der Forschung nach einer Bewilligung durch das Bundesamt für Gesundheit aus dem Ausland importiert werden. Exportiert werden dürfen Stammzellen nur dann, wenn im Zielland eine der schweizerischen Forschungsbedingungen entsprechende Rechtslage herrscht.

USA

In den USA wird die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen bislang nicht explizit auf Bundesebene geregelt. Vielmehr liegt die diesbezügliche Gesetzgebungskompetenz bei den einzelnen Staaten (Überblick über die Rechtslage in den verschiedenen Bundesstaaten). Politischer Einfluss auf die Forschung mit embryonalen Stammzellen wird jedoch auch auf Bundesebene genommen, insofern die Forschung  mit staatlichen Mitteln gestattet oder verboten wird. Private und öffentlich geförderte Forschung unterliegen damit unterschiedlichen Bestimmungen.

Der ehemalige Präsident George W. Bush hatte im Jahr 2001 eine staatliche Unterstützung für Forschungsprojekte mit Stammzelllinien, die nach August 2001 hergestellt worden waren, untersagt. Die Förderung wurde zudem auf Forschung an solchen embryonalen Stammzelllinien beschränkt, die aus überzähligen, ursprünglich zu Fortpflanzungszwecken erzeugten Embryonen und mit dem informierten Einverständnis der Spender gewonnen worden waren. Diese Beschränkung der staatlichen Finanzierung auf Forschung an älteren Stammzelllinien wurde im März 2009 von dem amtierenden Präsidenten Barack Obama teilweise außer Kraft gesetzt. Staatliche Mittel dürfen nun auch Wissenschaftlern zuteilwerden, die mit neueren Stammzelllinien forschen. Beibehalten wurde die Bestimmung, dass allein an Stammzelllinien aus überzähligen Embryonen geforscht werden darf, diese also nicht eigens zum Zweck der Stammzellgewinnung erzeugt werden dürfen. Derzeit sind bei der Bundesbehörde National Institut of Health (NIH) 75 menschliche embryonale Stammzelllinien zur potenziellen Förderung registriert. Auch die neuen Bestimmungen gelten allein für öffentlich finanzierte Forschung. Privat finanzierte Forschung ist weniger strengen Auflagen unterworfen und darf eigens zu Forschungszwecken erzeugte Embryonen verwenden.

Der neue Regierungskurs unter US-Präsident Obama schien zunächst an einem Gerichtsbeschluss zu scheitern. Ende August 2010 gelang es einer Klägergruppe um mehrere christliche Organisationen und Forscher adulter Stammzellen per Eilentscheidung einen vorläufigen Stopp der finanziellen Förderung zu erwirken, bis ein Grundsatzurteil gesprochen sei. Der Richter Royce Lamberth stützte sein Urteil auf das Argument, dass die derzeitige wissenschaftliche Praxis das Töten von menschlichen Embryonen erfordere und daher nicht durch den Staat zu unterstützen sei. Gegen dieses Urteil wurde von Seiten der Regierung Berufung eingelegt und das Weiße Haus forderte die Umsetzung des ersten Gerichtsentscheids auszusetzen, solange das Berufungsverfahren läuft. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass laufende Projekte gestoppt und dabei die Ergebnisse von Jahren wissenschaftlicher Forschung zunichte gemacht werden. Diesem Antrag der Regierung wurde im September 2010 stattgegeben und die Berufungsrichter hoben das erste Förderverbot vorläufig auf. Anfang April 2011 wurde in einer Entscheidung des United States Court of Appeals schließlich das vorläufige Verbot der Finanzierung von Stammzellforschung mit öffentlichen Mitteln ganz aufgehoben. Die Klage der christlichen Organisationen und Forscher ist damit gescheitert. Die Regierung verwies in ihrer Argumentation für die Finanzierung der Stammzellforschung auch mit öffentlichen Mitteln vor allem darauf, dass Millionen von schwer kranken Menschen durch die Forschung geholfen werden könnte und ein Forschungsstopp diesen Menschen erheblichen Schaden zuführen würde.

Eine Übersicht über weitere gegenwärtig im Kongress anhängige Gesetzentwürfe im Zusammenhang mit der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen findet sich auf den Internet-Seiten der National Institutes of Health (NIH).

III. Kernfragen der ethischen Diskussion

Eine bewährte Methode der ethischen Beurteilung einer Handlung besteht darin, zum einen nach der Legitimität der mit der Handlung verfolgten Ziele zu fragen, und zum anderen nach der Legitimität der hierbei angewandten Mittel.

Die von der Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen verfolgten Ziele, sei es die biologische Grundlagenforschung, sei es die Forschung in therapeutischer Absicht, (vgl. Teil I: "Naturwissenschaftlich-medizinischer Sachstand"), werden gemeinhin nicht nur als legitim, sondern darüber hinaus sogar als hochrangig anerkannt. Uneinigkeit besteht jedoch in der Frage, ob die im Rahmen dieser Forschung eingesetzten Mittel vertretbar sind, insbesondere, ob die Verwendung und - nach gegenwärtigem Stand der Technik - v. a. die Zerstörung menschlicher Embryonen akzeptabel sein kann.

Diese Uneinigkeit zeigt sich nicht zuletzt in den gegenwärtigen Gesetzgebungsdebatten und den zum Teil deutlich voneinander abweichenden nationalen und internationalen Regelungen (vgl. Teil II: "Ausgewählte nationale und internationale Gesetze und Regelungen"). Dabei kommen verschiedene ethische Aspekte und Überlegungen zum Tragen, die von den Teilnehmern der Debatte teils unterschiedlich gewichtet werden.

Im Mittelpunkt der ethischen Diskussion steht die Frage nach der Schutzwürdigkeit des menschlichen Embryos, und ob diese es gestattet, Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen zu verbrauchen oder sogar eigens zu diesem Zweck zu erzeugen (1). Darüber hinaus wird diskutiert, ob eine etwaige Unzulässigkeit verbrauchender Embryonenforschung auch für so genannte überzählige Embryonen (2) und für Kerntransfer-Embryonen gilt, die nicht auf "herkömmlichem" Wege durch die Verschmelzung der Kerne zweier Keimzellen entstehen (3). Da die Vertretbarkeit der Mittel auch davon abhängt, welche anderen Mittel zur Verfügung stehen, spielt schließlich die Frage nach etwaigen Alternativen eine wichtige Rolle (4).

 

1. Die Frage nach der Schutzwürdigkeit des menschlichen Embryos

In der Auseinandersetzung um die Schutzwürdigkeit des menschlichen Embryos werden zwei unterschiedliche Grundpositionen vertreten.

Die erste Grundposition spricht dem Embryo von Beginn an - d.h. bereits mit Abschluss der Kernverschmelzung - dieselbe Schutzwürdigkeit zu, die dem geborenen Menschen aufgrund seines Personseins eignet. Der moralische Status des frühen Embryos wird daher ausgehend vom autonomen Subjekt, zu dem er sich der Möglichkeit nach entwickeln kann, bestimmt. Ein Embryo, gleich welcher Entwicklungsstufe, darf demnach niemals für fremde Zwecke, so hochrangig sie auch sein mögen, instrumentalisiert werden.

Gemäß der zweiten Grundposition kommt dem Embryo die dem geborenen Menschen aufgrund seines Personseins eigene Schutzwürdigkeit erst mit dem Erreichen einer bestimmten Entwicklungsstufe zu. Vor Erreichen dieser Entwicklungsstufe wird dem Embryo eine bloß abgestufte Schutzwürdigkeit zugesprochen.

Die verbrauchende Forschung mit Embryonen unterhalb der maßgeblichen Entwicklungsstufe ist demgemäß zwar moralisch rechtfertigungsbedürftig, aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Bei einer entsprechenden Hochrangigkeit der Ziele und Alternativlosigkeit der Mittel ist sie nicht nur moralisch zulässig, sondern gegebenenfalls auch geboten. Gleiches kann für die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken gelten.

Vertreter der ersten Position verwenden zumeist die folgenden Argumente. Zum einen besitze der Embryo von Anfang an das Potential, zur Person zu werden (Potentialitätsargument). Zudem entwickle sich der Embryo nach Abschluss der Kernverschmelzung in einem kontinuierlichen Prozess zur Person. Deshalb könne der Beginn der Schutzwürdigkeit, wolle man willkürliche Setzungen vermeiden, auch nur an diesem Zeitpunkt festgemacht werden. (Kontinuitäts- und Identitätsargument) Außerdem widerspreche es dem Grundgedanken der Menschenwürde, den Würdeschutz von einer anderen Eigenschaft abhängig zu machen als allein der, ein menschliches Lebewesen zu sein (Argument der Spezieszugehörigkeit).

Anhänger der zweiten Position, die dem Embryo erst mit dem Erreichen einer bestimmten Entwicklungsstufe die volle Schutzwürdigkeit zusprechen, setzen unterschiedliche Entwicklungsstufen als maßgeblich an. Einige halten die Einnistung in die Gebärmutter für entscheidend. Der Embryo sei erst von diesem Zeitpunkt an wirklich entwicklungsfähig. Andere plädieren für die Ausbildung des Primitivstreifens als Kriterium. Erst dann sei die Möglichkeit einer Mehrlingsbildung ausgeschlossen und die Individuation beendet. Wieder andere halten das Vorhandensein der neuronalen Voraussetzungen für solche Vermögen wie Schmerzempfindung oder Interessensfähigkeit für zentral. Diese seien erforderlich, um überhaupt Ansprüche unterhalten und darauf bezogene Schutzansprüche begründen zu können.

Die erste Position liegt dem deutschen Embryonenschutzgesetz zu Grunde, das die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken wie auch die Verwendung von Embryonen zu einem nicht ihrer Erhaltung dienenden Zweck verbietet. Auf der zweiten Position baut das britische Regelungsmodell die Fertilisation and Embryology Act von 1990 / Human Fertilisation and Embryology (Research Purposes) Regulations von 2001. Dieser zufolge ist es - unter bestimmten zusätzlichen Voraussetzungen - nicht nur erlaubt, überzählige Embryonen für definierte Forschungsziele bis zur Ausbildung des Primitivstreifens zu verbrauchen, sondern auch Embryonen eigens zu diesem Zweck herzustellen.

2. Die Frage nach der Zulässigkeit der Forschung mit so genannten überzähligen Embryonen

In zahlreichen Ländern, in denen In-vitro-Fertilisations-Behandlungen erlaubt sind und durchgeführt werden, gibt es so genannte überzählige Embryonen. Damit sind Embryonen gemeint, die bei einer In-vitro-Fertilisation (IVF) erzeugt, aber nicht in die Gebärmutter übertragen wurden und von den Eltern auch nicht mehr für eine Übertragung gebraucht werden - etwa weil die Mutter erkrankt oder verstorben ist, oder weil sie auf eine Übertragung verzichtet.

Sollen solche Embryonen für die Gewinnung von Stammzellen genutzt und dabei zerstört werden dürfen?

Nach Meinung der Befürworter stellt ihre Verwendung zur Stammzellgewinnung keine unzulässige Instrumentalisierung dar. Diese Embryonen entwickelten sich ohnehin nicht mehr zu einem Kind und seien notwendig "dem Tode geweiht". Es bestehe nur noch die Wahl, sie entweder absterben zu lassen oder unbegrenzt zu lagern.

Gegner bezweifeln, dass solche Embryonen notwendig "dem Tode geweiht" sind. Sie verweisen auf die Möglichkeit der Embryoadoption. Ferner befürchten sie, dass die Freigabe so genannter überzähliger Embryonen für die Stammzellgewinnung IVF-Anbieter wie auch IVF-Nutzer künftig dazu verleiten könnte, künstlich noch mehr solcher Embryonen zu produzieren, um sie dann der Forschung zur Verfügung zu stellen.

Die Befürworter halten dem entgegen, dass eine künstliche Herstellung so genannter überzähliger Embryonen durch entsprechende Gesetze verhindert werden könne. Die Embryoadoption wird von ihnen vor allem mit dem Argument abgelehnt, dass eine gespaltene Mutterschaft mit erheblichen Risiken für das Kind verbunden sei. Außerdem geben sie zu bedenken, dass eine Freigabe der Embryoadoption verdeckte Leihmutterschaften, Zwangsadoptionen und eine Kommerzialisierung zur Folge haben könnte.

3. Die Frage nach der Zulässigkeit der Forschung mit Kerntransfer-Embryonen und ihrer Erzeugung

Die Entwicklung vielseitiger patientenspezifischer Therapieverfahren bisher unheilbarer Krankheiten verspricht man sich durch den Einsatz spezifisch klonierter Stammzellen. Die Technik ihrer Gewinnung (Zellkerntransfer) sowie die rechtlichen Regelungen ihrer Verwendung und die ethische Diskussion werden im Blickpunkt Forschungsklonen dargelegt.

4. Die Frage nach den Alternativen zur Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen

Ethisch weniger problematische Mittel sind ethisch problematischeren Mitteln vorzuziehen, sofern sie zu denselben Zielen führen. Ethisch problematischere Mittel müssen deshalb zur Erreichung der angestrebten Ziele nicht nur geeignet, sondern auch notwendig sein, um ethisch vertreten werden zu können.

Kritiker bezweifeln, dass die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen alternativlos ist. Sie gehen davon aus, dass die mit ihr verfolgten Ziele in der Grundlagen- wie auch in der therapeutischen Forschung sich auch mit gewebespezifischen adulten Stammzellen erreichen lassen. Die Gewinnung und Nutzung dieser Zellen sei ethisch weniger problematisch. Sie böten außerdem den Vorteil, dass sich aus ihnen leichter Zelltransplantate herstellen ließen, die auch immunkompatibel sind, da adulte Stammzellen direkt aus dem Organismus des Transplantatempfängers selbst gewonnen werden könnten. Mit embryonalen Stammzellen sei die Herstellung autologer Zelltransplantate nur über den Umweg des so genannten therapeutischen Klonens möglich. Zudem sei bei Zelltransplantaten, die aus adulten Stammzellen hergestellt würden, das Risiko, dass Tumore entstünden, geringer. Mit adulten Stammzellen habe man auch schon therapeutische Erfolge erzielt, während dies mit embryonalen Stammzellen noch nicht gelungen sei. Einige der mit adulten Stammzellen entwickelten therapeutischen Verfahren seien inzwischen sogar schon klinischer Standard.

Dem wird entgegengehalten, dass adulte Stammzellen im Vergleich zu embryonalen Stammzellen nach bisheriger Erkenntnis ein weitaus geringeres Differenzierungspotential aufweisen. Die Anzahl der Gewebetypen, die aus adulten Stammzellen gewonnen werden könnten, sei deshalb wahrscheinlich sehr beschränkt. Zudem ließen sich adulte Stammzellen oftmals gar nicht in dem Maß vermehren, wie es für die Herstellung von therapeutisch wirksamen Zelltransplantaten erforderlich sei. Für ein tieferes Verständnis der Mechanismen, nach denen sich humane Zellen differenzieren, redifferenzieren und vermehren, sei die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen unverzichtbar. Die Aufklärung dieser Mechanismen sei auch eine notwendige Voraussetzung für die Weiterentwicklung von adulten Stammzelltherapien.

Autorennachweis

Alle Autoren sind Mitarbeiter des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE)

  • Naturwissenschaftlich-medizinischer Sachstand

    Überarbeitet von Minou Friele (2010, 2011), überarbeitet von Lisa Retterath (2010), überarbeitet von Verena Braun (2010), überarbeitet von Simone Hornbergs-Schwetzel (2007, 2008), grundlegend überarbeitet von Simone Hornbergs-Schwetzel (2006), verfasst von Herbert Püttmann (2004)

  • Ausgewählte nationale und internationale Gesetze und Regelungen

    Überarbeitet von Minou Friele (2010, 2011), überarbeitet von Lisa Tambornino (2009), überarbeitet von Sebastian Mutke (2008), überarbeitet von Simone Hornbergs-Schwetzel (2006, 2007, 2008), verfasst von Ingo Hillebrand (2004)

  • Kernfragen der ethischen Diskussion

    Überarbeitet von Minou Friele (2011), überarbeitet von Simone Hornbergs-Schwetzel (2006, 2007, 2008), verfasst von Ingo Hillebrand (2004)

Ergänzende Informationen

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