Enspannt Euch! Wir brauchen keine Embryofabriken

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Enspannt Euch!

 

Wir brauchen keine Embryofabriken

 

Von Hans Schöler

Die Stammzellforschung hat womöglich eine entscheidende Wegmarke
erreicht - und die neu aufge-flammte Diskussion in Deutschland um den
Embryonenverbrauch für die Stammzellforschung hoffentlich einen
Wendepunkt. Von den beiden Zeitschriften "Nature" und "Cell Stern Cell"
wurden jetzt drei Forschungsarbeiten aus den Laboratorien von Shinya
Yamanaka in Kyoto sowie von Rudolf Jaenisch und Konrad Hochedlinger in
Boston online veröffentlicht, die jedenfalls die Diskussion um
menschliche embryonale Stammzellen in Deutschland prägen dürften. Es
sind die wohl wichtigsten Erkenntnisse der letzten Monate.

Augenscheinlich handelt es sich lediglich um vier Genprodukte in den
Zellen, die ausdifferenzierte "fertige" Hautzellen zu pluripotenten und
damit extrem verwandlungsfähigen Stammzellen verjüngen können. Diese
vorerst mit Mäusen gewonnene Erkenntnis bestätigt damit eine Arbeit, die
bereits im vergangenen August von Yamanaka in "Cell" veröffentlicht
wurde. Schon damals sprachen viele Forscher von einem wichtigen
Durchbruch. Nun, da diese Experimente verfeinert und in unabhängigen
Laboratorien reproduziert worden sind, kann man sicher sein: Mit diesen
vier Genen lassen sich die gewünschten maßgeschneiderten Stammzellen
herstellen, ohne dass Embryonen involviert sind. Ein endgültiger Ersatz
für embryonale Stammzellen ist das noch nicht, doch ist unsere Vision
ein erhebliches Stück näher gerückt.

Pluripotente Zellen sind deshalb von so großem Interesse, weil sie quasi
als Alleskönner jeglichen Zell-typ eines Organismus bilden können. Aus
ebendiesem Grunde wird embryonalen Stammzellen von der Fachwelt ein
hohes therapeutisches Potential zugesprochen. Wenn sich sogar aus
embryonalen Stamm-zellen ganze Mäuse und alle dafür nötigen Zelltypen
generieren lassen, dann muss es doch erst recht möglich sein, so die
Annahme, funktionsfähige Nervenzellen etwa für Parkinson-Patienten zu
gewinnen. Bislang steht zwar der Nachweis noch aus, da in Tiermodellen
keine Krankheit nachhaltig gelindert, geschweige denn kuriert werden
konnte. Aber viele Forscher betrachten die noch zu lösenden Probleme in
erster Linie als technische und weniger als biologische Hürden. Manche
dieser technischen Schwierig-keiten, etwa die Verhinderung einer
Tumorbildung durch kontaminierende Alleskönner, bekommt man, wie durch
eine zunehmende Zahl von Veröffentlichungen inzwischen belegt,
allmählich in den Griff.

Anstoß nehmen die Gegner der Forschung an humanen embryonalen
Stammzellen allerdings seltener daran, dass es derzeit noch keine
therapeutischen Anwendungen gibt, sondern dass im Falle des Gelingens
möglicherweise immer neue embryonale Stammzellen generiert werden
müssten. Das Schreckensszenario für viele sind also regelrechte
"Embryofarmen", die ihrer Ansicht nach im Falle eines Erfolges für die
Heilung von Patienten notwendig würden. Das Kultivieren von Tausenden
von Embryonen etwa für Parkinson-Patienten, für Herzkranke oder
vielleicht sogar die Zucht von Embryonen als Jungbrunnen für gealterte
Menschen sind Bilder, die fest in der Gedankenwelt vieler Menschen
verankert sind.

Aus diesem Grunde versucht man diese Forschung zu verhindern, nach dem
Grundsatz: "Wehret den Anfängen!" Da hilft es auch nicht, wenn man zu
erklären versucht, dass es eine wesentliche Eigenschaft embryonaler
Stammzelllinien ist, dass sie äußerst langsam altern, und man darlegt,
dass die Zahl der bei der künstlichen Befruchtung verworfenen frühen
Embryonen so groß ist, dass man keine zusätzlichen Embryonen benötigen
würde. Stammzellen, die man vermehrt und aus den ersten drei
hergestellten Zelllinien aus menschlichen Embryonen seit Ende der
neunziger Jahre gewonnen hat - bezeichnet als Hl; H7 und H9 -, sind auf
der ganzen Welt verteilt und dürften inzwischen ein gemeinsames Gewicht
von meh-reren Tonnen auf die Waage bringen.

Es ist die Angst vor den Auswüchsen, vor dem, was kommen könnte, die uns
Deutsche so vorsichtig sein lässt. Eine Angst zudem, die durch die
historischen Erfahrungen zusätzlich verstärkt wird.

Die nun erschienenen Arbeiten sind in diesem Zusammenhang deshalb so
wichtig, weil sie uns einen Teil-dieser elementaren Angst nehmen können.
Seit mehr als zehn Jahren ist bekannt, dass Kerne von Körperzellen- die
Bildung aller Zellen eines Organismus steuern können, nämlich dann, wenn
man sie in Eizellen überträgt und so die Embryonalentwicklung neu
durchlaufen lässt. Das Schaf Dolly war das erste Klontier dieser Art.
Daher war es nur folgerichtig, dass man sich auf die Suche nach den
Faktoren in den Eizellen machte, die diese Umprogrammierung des
Zellkerns bewirken. Eizellen, selbst von Mäusen, sind aber nur schlecht
geeignet, nach solchen Faktoren zu suchen.

Als das ideale Hilfsmittel stellten sich, insbesondere wegen ihrer quasi
unbegrenzten Vermehrbarkeit, die embryonalen Stammzellen heraus. Von
ihnen weiß man bereits seit vielen Jahren, dass sie, wenn man solche von
Mäusen künstlich mit Körperzellen fusioniert, deren Programm in das
eines Alleskönners vollständig umwandeln. Mit diesen Versuchen hat das
Wissen um die Gene kontinuierlich zugenommen, und so haben Forscher in
den letzten Jahren nach Wegen gesucht, aus dem Kandidatenkreis
diejenigen herauszufiltern, die für eine Umwandlung in Alleskönner
notwendig sind.

Im letzten Jahr konnte Shinya Yamanaka mit seinen Mitarbeitern
schließlich aus vierundzwanzig Kandidaten diejenigen vier bestimmen, die
eine solche Umwandlung bewirken. Die nun veröffentlichten Arbeiten
nutzen zwar dasselbe Verfahren, haben aber die Strategie für die Auswahl
der pluripotenten Zellen entscheidend verbessert. Damit sind die
wesentlichen biologischen Nachweise von Pluripotenz erbracht.

Da sich nun also aus einer Körperzelle mit nur vier Faktoren
pluripotente Stammzellen induzieren lassen, sprechen wir von
"induzierten pluripotenten Stammzellen" (iPS). Es sind allerdings keine
embryonalen Stammzellen. Denn wie so oft gibt es auch hier
Einschränkungen, die sogar so groß sind, dass diese Zellen in der
jetzigen Form für Therapien nutzlos sind. Zum einen wurden Viren für das
Einbringen der vier Gene verwendet. Zum anderen sind zwei der
eingebrachten Gene als Krebsgene bekannt und sollten bei
Zelltransplantation keine Anwendung finden. Daher wird dieses Verfahren
nicht das endgültige sein können, um pluripotente Stammzellen zu
gewinnen. Aber wir können schon heute erwarten, dass man die Tür für
eine alternative Gewinnung pluripotenter Stammzellen in nicht allzu
ferner Zukunft durchschreiten wird.

Auf die spannende Frage, wann und wem als Erstem die Umwandlung von
menschlichen Körperzellen in die vielversprechenden induzierten
Stammzellen gelingt, gibt es bisher nur eine klare Antwort: Forscher in
Deutschland werden nicht das Rennen machen. Die Köpfe dazu hätten wir.
Aber hierzulande kann man wegen der bestehenden Gesetzeslage bestenfalls
Expertise mit veralteten und mangelhaften Stammzell-linien erwerben, die
sicherlich keinen Goldstandard für einen notwendigen Vergleich mit den
iPS bieten. Meine Hoffnung ist nun, dass man erkennt, dass durch
Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen tatsächlich effiziente
alternative Methoden entwickelt werden können, die zukünftig Embryonen
für die Gewinnung pluripotenter Zellen überflüssig machen. Dazu möchten
wir in Deutschland Wesentliches bei-tragen. Doch um diese Verfahren,
entwickeln zu können, werden die besten embryonalen Stammzelllinien als
"Goldstandard" und damit als der entscheidende Maßstab benötigt.

Es wäre viel gewonnen und würde die Debatten um die Zulassung neuer
embryonaler Stammzelllinien im Stammzellgesetz entspannen, wenn bereits
diese ersten erfolgreichen Arbeiten mit induzierten Maus-Stammzellen die
alten Ängste nehmen könnten. Verdrängen wir die Schreckensszenarien von
Embryo-farmen aus unseren Köpfen. Damit sollten wir auch nicht erst
warten, bis diese vielversprechenden Ergebnisse auch mit menschlichen
Stammzellen erzielt werden.

Der Autor ist geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für
molekulare Biomedizin in Münster.

Ergänzende Informationen