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Projektbericht „Entwicklungsbiologische Totipotenz: Bestimmung als ein normatives Kriterium in Ethik und Recht unter Berücksichtigung neuer entwicklungsbiologischer Erkenntnisse“

Mit den Experimenten zum somatischen Zellkerntransfer (SCNT) kam erstmals die Generierung patienten-spezifischer embryonaler Stammzellen in Reichweite. Solchermaßen „reprogrammierte“ Zellen versprachen zwar eine Quelle maßgeschneiderte Zellen zu werden, doch musste für ihre Gewinnung auch ein Stadium der Totipotenz durchlaufen werden, d.h. die Entität erlangte die Fähigkeit, sich zu einem vollständigen Organismus zu entwickeln. Mittels eines definierten Cocktails an Faktoren (Oct4, Sox2, Klf4, c-Myc) gelingt neuerdings eine direkte Reprogrammierung von somatischen Zellen zu induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen), welche eine elegante Quelle für pluripotente Stammzellen aus einem adulten Organismus darstellen. Da diese Zellen „nur“ pluripotent und nicht totipotent sind, scheinen die iPS-Zellen gegenüber humanen embryonalen Stammzellen auf den ersten Blick auch für die Ethik und die Rechtswissenschaft eine unbedenkliche Alternative darzustellen.

In Deutschland, aber auch in anderen Ländern, kommt dem Phänomen der Totipotenz ein hoher Stellenwert in der Bioethikdebatte zu, da das Kriterium der Totipotenz bezogen auf humane Entitäten für die Beurteilung des moralischen und rechtlichen Status von Zellen und für die Definition des menschlichen Embryos herangezogen wird. Dies begründet sich aus dem mit Totipotenz verbundenem Entwicklungspotential, sich als Mensch, dem Lebens- und Würdeschutz ausnahmslos zukommt, zu entwickeln.

Unter der hypothetischen Annahme, dass bei zukünftigen Optimierungen zur Gewinnung von iPS-Zellen möglicherweise ein solches totipotentes Entwicklungspotential temporär erreicht werden könnte, zeigt sich nicht nur die Notwendigkeit, den moralischen und rechtlichen Status dieser Zellen zu klären. Vielmehr stellt sich auch die Frage, ob sich das Merkmal der Totipotenz angesichts der neuesten Erkenntnisse und Techniken der Entwicklungsbiologie überhaupt noch als leitendes normatives Kriterium bewährt.

Das vom BMBF geförderte Verbundprojekt „Entwicklungsbiologische Totipotenz: Bestimmung als ein normatives Kriterium in Ethik und Recht unter Berücksichtigung neuer entwicklungsbiologischer Erkenntnisse“ widmet sich diesem Themenkomplex und vereint dazu die Perspektiven der Philosophie, Rechtswissenschaft und Naturwissenschaften.

Das interdisziplinäre Verbundprojekt besteht aus drei Teilprojekten: Das philosophisch-ethische Teilprojekt wird von Herrn Prof. Dr. Dr. Thomas Heinemann am Lehrstuhl Ethik, Theorie und Geschichte der Medizin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar geleitet. Das rechtswissenschaftliche Teilprojekt wird unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Hans-Georg Dederer an der Juristischen Fakultät der Universität Passau durchgeführt. Das naturwissenschaftliche Teilprojekt leiten Herr Dr. Tobias Cantz im Exzellenz-Cluster „REBIRTH“ an der Medizinischen Hochschule Hannover sowie Herr Prof. Dr. Hans Schöler, Direktor des Max-Planck Instituts für molekulare Biomedizin in Münster.

Es zielt u.a. auf die systematische Klärung der normativen Bedeutung der biologischen Totipotenz vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse in der Entwicklungsbiologie und auf die ethische und rechtliche Beurteilung der Erzeugung und Verwendung von iPS-Zellen für Forschung und Therapie. Neben der theoretischen Auseinandersetzung wird von naturwissenschaftlicher Seite ein Modell erarbeitet, entwicklungsbiologische Totipotenz bei der Reprogrammierung von somatischen Zellen zu umgehen. Dazu soll die Expression von Cdx2, einem Faktor, der in vivo für die reguläre Entwicklung (Bildung extraembryonaler Gewebe) zu einem ganzen Organismus von kritischer Bedeutung ist, während der Reprogrammierung blockiert werden. Somit kann ein Stadium der Totipotenz ausgeschlossen werden, jedoch die Pluripotenz der Zellen erhalten bleiben. Auch diese Vorgehensweise wird aus ethischer und rechtlicher Perspektive reflektiert.

Mit der Idee des multiperspektivischen Ansatzes verbindet sich die Etablierung einer strukturierten optimalen interdisziplinären wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Das gegenseitige Verstehen der Methoden und Ergebnisse der jeweiligen Disziplinen stellt dafür die notwendige Basis dar. Erreicht wird diese u.a. durch regelmäßige Treffen der Projektpartner, einen engen Austausch von Zwischenergebnissen und gemeinsame Publikationen. Vorteilhaft an dieser Herangehensweise ist, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Ethik, Recht und Naturwissenschaften mit einer gesellschaftspolitisch wie naturwissenschaftlich relevanten Produktivität synergetisch verbindet und damit die normativen Wissenschaften in ihren Urteilen nicht, wie häufig beklagt, den Ergebnissen der Naturwissenschaften „hinterherhinken“, sondern der Prozess gemeinsam und gleichberechtigt gestaltet wird.

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