Stammzellforschung:

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Umstrittene Therapien im Visier der Presse

Immer wieder werden die Stammzellforschung und die mit ihr verknüpften Hoffnungen Themen für die Schlagzeilen – allerdings erscheinen nicht durchweg positive Berichte. In den letzten Monaten machte die Düsseldorfer Stammzellfirma XCell von sich reden und erntete viel Kritik für ihre „dubiosen Geschäfte“ (Wirtschaftswoche vom 9. November 2010), die auch als „tödliche Therapie mit Stammzellen“ bezeichnet wurden (Welt online vom 25. Oktober 2010). Die Biomedizinische Arbeitsgemeinschaft des Kompetenznetzwerks hatte bereits im Februar eine Stellungnahme dazu veröffentlicht.
Eine Auswahl von Berichten (Auszüge) über XCell und die Vorwürfe, die gegen das Unternehmen erhoben werden:

„In einer Privatklinik in Düsseldorf ist im August nach einer Injektion ins Gehirn ein 18 Monate altes Kind gestorben. Der Eingriff war riskant und es gab offenbar gravierende Behandlungsfehler. Gegen die verantwortliche Ärztin ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft. Zum bundesweiten Aufreger wurde der Fall aufgrund des Umfelds: Die Behandlung des Kleinkinds fand im XCell-Center statt, dem größten europäischen Anbieter  von Stammzelltherapien. (…) Seriöse Stammzellforscher wie Wolfgang-Michael Franz von der Ludwig-Maximilian-Universität sind empört darüber, in welches Licht der kommerzielle Anbieter ihr Arbeitsgebiet rückt: ,Die Versprechungen auf deren Website entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Eigentlich müsste das ein Fall für den Verbraucherschutz sein.’“
Focus online, Autorin: Petra Apfel, 27.10.2010

„In mindestens drei Fällen kam es 2010 in der Klinik zu Komplikationen. Im April erlitt ein neunjähriger Junge aus Aserbaidschan während der OP massive Hirnblutungen und musste zu einer Not-Operation in die Düsseldorfer Uniklinik verlegt werden. Er überlebte, sein Zustand soll sich jedoch noch verschlechtert haben. Bei einem Jungen aus Süddeutschland kam es zu Komplikationen nach der OP. Und am 12. August musste sogar ein Todesfall beklagt werden (…). Bekannt wurden die Vorfälle, als das XCell-Center die Komplikationen in den Fällen des süddeutschen und des aserbaidschanischen Jungen der Düsseldorfer Bezirksregierung meldete. Darauf erstatteten die Gesundheitsbehörden am 7. Juni 2010 Anzeige bei der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, die seitdem gegen die behandelnde Ärztin ermittelt. Anfangs wegen zweifacher fahrlässiger Körperverletzung, seit dem Vorfall am 12. August auch wegen fahrlässiger Tötung.“
WDR.de, Autor: Ingo Neumayer, 27.10.2010

 „In den allermeisten europäischen Ländern sind Stammzelltherapien, wie sie in Düsseldorf durchgeführt werden, verboten, weil es bislang keinen wissenschaftlichen Beweis für ihre Wirksamkeit gibt. Ausgerechnet in Deutschland, wo die Stammzellenthematik besonders intensiv und kontrovers diskutiert wird, ist eine solche Behandlung indes nicht ausdrücklich verboten. (…) Der ,Sunday Telegraph’ schickte (…) einen Reporter undercover im Rollstuhl zu XCell. Er stellte sich in Düsseldorf als Multiple-Sklerose-Patient vor. Das Versprechen im Beratungsgespräch war vollmundig: Er werde nach der Behandlung mit Stammzellen wieder laufen können. Wer würde da nicht gerne bis zu 18 500 Euro für eine Therapie bezahlen?“
Welt online, Autor: Norbert Lossau, 25. 10.2010

„Wer Patienten außerhalb klinischer Studien autologe Stammzellen ins Gehirn injiziert, nutzt eine Gesetzeslücke in Deutschland aus.“
Ärzte-Zeitung, eigener Bericht, 28.10.2010

„Wissenschaftler (…) warnen vor der Therapie, die sie für nicht ausreichend erforscht halten. Medizinverbände üben in öffentlichen Stellungnahmen Kritik an dem Verfahren.“
Spiegel online, eigener Bericht, 26.10.2010

„Bisherige Vorstöße, die ungeprüften Therapien mit Stammzellen anzuprangern, verhallten fast ungehört, so wie zuletzt eine Stellungnahme von 13 Professoren des Kompetenzzentrums Stammzellforschung NRW. Die Wissenschaftler warnen explizit vor den stammzellbasierten Therapien des XCell-Center. ,Es fehlen wissenschaftlich begründete Nachweise der Wirksamkeit.’ Die meisten ,Stammzellbehandlungen sind zurzeit als experimentell einzustufen’. Laut Kompetenzzentrum seien sich alle Forscher auf diesem Gebiet bewusst, welch große Hoffnungen auf einer Behandlung durch den Zellersatz ruhen. Die medizinische Forschung sei aber noch nicht so weit, um Stammzelltherapien außerhalb klinischer Studien vertreten zu können.“
Focus online, eigener Bericht,  27.10.2010

„… Das bundesweit für Stammzellen zuständige Paul-Ehrlich-Institut in Langen erstellte ein Gutachten, das zumindest die Anwendung der Stammzelltherapie im Gehirn als bedenklich und damit als verboten einstuft. Auszüge aus dem Gutachten liegen der Wirtschaftswoche vor: ,Der bestimmungsgemäße Gebrauch von Stammzellpräparaten durch die Firma XCell hat nach derzeitigem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse schädliche Wirkungen, die über ein nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft vertretbares Maß erheblich hinausgehen.’ Die Landesbehörden setzten dem Unternehmen eine Frist, sich dazu zu äußern – der erste Schritt zu einem Verbot der Therapie.“
Wirtschaftswoche, Autorin: Susanne Kutter, 16.10.2010

„Unglücklicherweise hat einer unserer Neurochirurgen laut unserer Meinung bei einigen Patienten das Risiko-Nutzen-Verhältnis der Behandlung nicht korrekt abgewogen. (…) Nach dem zweiten Komplikationsfall wurde die Zusammenarbeit mit ihr beendet. Die Komplikationen geschahen bedingt durch den chirurgischen Eingriff vor der eigentlichen Stammzellenanwendung. Folglich stehen diese Ereignisse nicht in Bezug zu den Stammzellen. (…) Bislang wurden über 100 Neurochirurgische Eingriffe am XCell-Center durchgeführt, mit einer Komplikationsrate von ca. 2 Prozent. Im internationalen Vergleich handelt es sich um eine sehr geringe Komplikationsrate. Insgesamt gesehen leisten die Chirurgen am XCell-Center eine sehr gute Arbeit.“
XCell-Center Statement zur aktuellen Berichterstattung in den Medien, Dr. Cornelis H. Kleinbloesem, 27.10.2010

„Das späte Einschreiten der Behörden gegen das umstrittene Stammzellunternehmen XCell war (…) auch Thema einer Fragestunde im Bundestag. Der SPD-Abgeordnete René Röspel kritisierte (…) die zögerliche Reaktion der Bundesregierung im Düsseldorfer Stammzellskandal. (…) Als Reaktion auf Röspels Frage verwies Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, auf das ärztliche Berufsrecht und die Verantwortung der einzelnen Bundesländer. Außerdem greife die Bundesregierung nicht in laufende staatsanwaltliche Ermittlungsverfahren ein.“
Wirtschaftswoche-Blog, Autorin: Susanne Kutter, 28.10.2010

„Die fachliche Auseinandersetzung und das Gefährdungspotenzial richtig einzuschätzen fällt Juristen und Staatsanwälten schwer. Zumal XCell rechtlich in einer Grauzone agiert: Stammzelltherapien müssen erst ab 2012 bei der europäischen Gesundheitsbehörde (EMA) zugelassen werden. Bis dahin gilt in Deutschland eine Übergangsfrist, die XCell geschickt nutzt. (…) In Deutschland stellte XCell bisher nur die Therapie am Gehirn ein, doch der Rest läuft weiter. Wie lange, das liegt nun in der Hand der Staatsanwaltschaft.“
„Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Parkinson-Gesellschaft (DPG) waren schon vor über einem Jahr sehr aktiv gegen das dubiose Stammzell-Unternehmen XCell in Köln und Düsseldorf vorgegangen und hatten vor den Therapien gewarnt. Gerade haben die beiden Fachgesellschaften eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie ein Frühwarnsystem fordern - statt erst auf Todesfälle zu warten, bis die Behörden eingreifen.“


Wirtschaftswoche/Wirtschaftswoche-Blog, Autorin: Susanne Kutter, 9.11. , 16.10.2010


Stellungnahme der biomedizinischen Arbeitsgemeinschaft

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Parkinson-Gesellschaft (DPG)

Schreiben des Kompetenznetzes Diabetis mellitus


Ergänzende Informationen